LegIT

Der volkssprachige Wortschatz der Leges barbarorum

Wörterbuchangabe gi-wiza (DWB)

Wörterbuch Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971.
Fundstelle Bd. 6, Sp. 6219-6301
Inhalt

gewissen IV , (fem. und) neutr., verstärkte form des substantivierten infinitivs wissen, die sich in der nhd. schriftsprache an stelle eines älteren, vom participialen adjectiv (s. gewissen III) abgeleiteten femininums (vgl. gawiʒanî Graff 1, 1097; mhd. wb. 3, 791a, s. unten 1) durchgesetzt hat. in beiden formen ist die umfassende grundbedeutung des wissens, der kenntnis von einer sache zur entfaltung gekommen; am neutrum ist sie freilich nicht so reich belegt und nicht so mannigfaltig entwickelt, wie am fem., das namentlich in der rechtssprache eigenartige wendungen abzweigte. für dieses fem. war auch der übergang zu dem religiösen — allgemeiner ethischen — begriffe, von dem unser schriftsprachlicher gebrauch getragen ist, eine möglichkeit der inneren entwicklung, die freilich durch den zwang, das vorbild der lateinischen conscientia nachzuahmen, überholt wurde. gleich diesem und dessen spätgriechischem urbilde, der συνείδησις, der unser fem. in der inneren anlage noch näher steht, hatte auch das deutsche wort einen längeren weg der bedeutungsverengerung durchzumachen, um zum heutigen ethischen begriff zu kommen. und wenn einzelne formen dieses entwicklungsganges, so die verbindung mit objectivem genetiv, im lateinischen vorgebildet waren (conscientia peccatorum), so kamen hier doch auch im deutschen gerade die beliebtesten wendungen entgegen: wann du absolvirt bist von sunden, ja wan dich in deiner sund gewissen ein frum christen mensch trostet. Luther (v. sakr. d. busze) 2, 717. während das lateinische präfix (con) und noch mehr das griechische (συν) einem sociativen moment (der theilnehmerschaft an der verbalhandlung) ausdruck giebt, das erst im späteren verlauf der bedeutungsentwicklung verblaszt, hat das deutsche präfix — wenn ihm auch in späteren deutungen das gleiche angedichtet wird — von hause aus eine andere function: die perfective, die am klarsten beim fem. zu tage tritt. die wahrnehmung wird in ihrem ergebnis gefaszt. an dieser nächsten und allgemeinsten bedeutung vollzieht sich nunmehr die verengerung. aus dem beobachtungsmaterial werden einseitig menschliche handlungen herausgehoben und unter diesen wiederum die handlungen fremder subjecte ausgeschieden. mit dieser beschränkung auf die handlungen des erkennenden subjects geht die blosze wahrnehmung in beurtheilung über. zwei merkmale sind es also, die den ethischen begriff des fem. von der grundbedeutung abgrenzen, die reflexive einschränkung und das urtheil an stelle der wahrnehmung. diesem neuen begriff erschlieszt sich im 16. jahrh. eine weite bahn in den schriften der reformatoren, deren lebensaufgabe ja dem religiösen kern des begriffes erwuchs: das ir mir zeugknusz gebet, das ich mein gewiszen errettet hab am jungsten tage und szagen konde 'ich hab gehandelt, wie ich sal'. predigten Luthers (1523) s. werke 12, 649. eben dem einflusz Luthers ist es aber zuzuschreiben, dasz das fem. nunmehr ganz vor dem neutrum zurückweicht, dessen ältere verwendungen keine so lückenlose verbindungslinie zu diesem ziele zeigen; selbst Melanchthon, von dem einzelne drucke noch das fem. zeigen, geht zum neutrum über: die freihait ist allain und aigentlich auff den friden und die frewde des gewissens z ziehen, welche allain der glaub gibt. dienstparkait oder gefängknüsz ist aigentlich von ainem gefangen und unrüwigen gewissen zverstön, das noch on vertrauwen ist, dann wa in dem gewissen freud ist, daselbst underwürfft der gaist frei willigklich das flaisch dem gesatz und hat lust das flaisch z kreutzigen. Melanchthon zur epistel an die Römer (Augsburg 1523) 66b. die breitere grundlage, von der sich dieser engere begriff losgelöst hat, bleibt aber beim gebrauche des subst. lange noch sichtbar und wird später — von gelehrten wie vom sprichwort — immer wieder neu entdeckt. etymologisch ist eben das deutsche wort — und noch mehr das lateinische vorbild — leicht auf seine herkunft zu bestimmen, und andererseits legt der engere begriff selbst in mannigfachen zusammenhängen es nahe, zum contrast den weiteren allgemeineren zu gewinnen: ignorantia et ignorantie, unwissenheit, das ist, wenn man künd zu latinsch reden, inconscientia, wenn einem von eim dinge nichts bewust ist odder hat des kein gewissen, wie David thut inn genantem psalm: da ihm Simei schuld gab, er hette Saul das königreich mit gewalt abgedrungen, zeigt er an, das inn seim gewissen nicht sei, und nennets ignorantia, wilchs wir müssen deudschen 'unschuld', weil wir kein besser wort haben, aber es ist zu starck; denn das laut gar fein demütiger und christlicher, das man sich fur gott nicht rhüme der unschuld sondern des gewissens. denn es mag iemand wol im gewissen nichts böses fulen das er dennoch darumb nicht unschuldig ist, wie Paulus spricht i. Cor. 2 'ich bin mir nichts bewust ...' wie Abimelech auch on gewissen war, da er Sara nam, und war ihm dennoch das werck fur gott unrecht, Gen. 20. also wil hie Habacuc auch bitten fur die frumen, die sampt den gottlosen gen Babylon gefurt worden ... die selbigen waren unschuldig, das ist, sie hatten kein gewissen und waren keins bösen stücks ihn bewust, aber musten gleichwol mit. nenne es nu unschuld odder unwissenheit odder frei gewissen. Luther (der proph. Habak. ausgel.) 19, 424 f.; es war in mir manigfaltige begirde, aber die weil das gewissen solches nit wist, empfand ichs nicht daz solch grosse sünd in mir war'n. Melanchthon zur epistel an die Römer 55. diese anklänge an die grundbedeutung treten am ehesten da zurück, wo die regungen des gewissens über das menschliche subject hinaus unmittelbar auf göttliche einwirkung zurückgeführt werden. dies ist die eine richtung, in der sich der religiöse begriff zunächst bethätigt: die blindheit der natur ist also gros, das sie ihr schande nicht sihet, wo gott dem gewissen die augen nicht öffenet. Melanchthon erste epistel an die Korinther (1527) s. 192; ibi kutzelt deus conscientiam Adae et Evae ... do hat ehr Adam sein gewisszen gekutzelt. Luther (pred. über 1. Mos. 1523/4) 14, 152; die juristen haben unterschiedliche meinungen vom gewissen. die ersten sagen, ein mensch hat von gott ein gewissen. Lehmann (1630) 313; es ist das gewissen in dem menschen das kleine füncklein, so in und nach dem fall übrig geblieben, darinnen er nicht allein einiger massen, was gut oder böse seie ... erkennet, sondern auch wo er vorsetzlich sündigen will, eine bestraffung, um ihn zurücke zu halten ... bei sich fühlet ... daher ist es in gewisser maasz eine stimme gottes in der seele ... daher es auch zu weilen ein irrendes und zweiffelndes gewissen gibet, wo sich in dieses an sich selbs göttliche liecht irrthume oder zweiffel einmischen. Spener erste epistel Johannis (1699) 437 (vgl. dagegen G. Kramer: ist das gewissen gottes stimme? volksthüml. freidenker schriften no. 10); das gewissen, ist im menschen sein gott. Butschky 500 sinnen ... reiche reden 23; gott würkt durchs gewissen. Herder (an prediger) 7, 270; so gut und nothwendig es ist ... immer mit gewiszen und vor dem auge gottes zu schreiben. 273. vgl. auch die in der deutung des präfixes nicht für das deutsche geltende bemerkung: in der that wird ja schon die sprache, als sie das gewissen ein mitwissen nannte, darunter ursprünglich ein göttliches mitwissen verstanden haben. W. Wundt ethik2 482. von dieser auffassung wird auch das volksempfinden im allgemeinen beherrscht; für die beurtheilung einzelner fälle tritt eine andere richtung, eine bedeutungsverengerung in kraft, die Schopenhauer kennzeichnet, vgl.: religiöse leute, jedes glaubens, verstehen unter gewissen sehr oft nichts anderes, als die dogmen und vorschriften ihrer religion und die in beziehung auf diese vorgenommene selbstprüfung. (grundlage d. moral 13) 3, 573 Grisebach; vgl. dazu: gewissen heiszt in der moraltheologie das vermögen des menschen, eine objective sittenvorschrift auf das subjective handeln anzuwenden. Wetzer u. Welte kirchenlex. 5, 564. dieser verengerung des religiösen begriffes tritt bei den philosophen eine erweiterung entgegen, indem die gegebenen thatsachen nunmehr unter dem gesichtspunkt der ethik gewertet und erklärt werden. je weiter sie in die neuere zeit hereinreichen, um so mehr dehnt sich auch der umfang des begriffes in den feststellungen aus: das urtheil von unseren handlungen, ob sie gut oder böse sind, wird das gewissen genennet. Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen § 73 (1720) 45; man könnte das gewissen auch so definiren: es ist die sich selbst richtende moralische urtheilskraft. Kant (religion innerh. der grenzen d. bloszen vernunft 4. stück § 4) 6, 371 Hartenstein; denn gewissen ist die dem menschen in jedem fall eines gesetzes seine pflicht zum lossprechen oder verurtheilen vorhaltende praktische vernunft. (metaphysik der sitten 2, einleit. 12b) 5, 227; die stimme des gewissens ist die stimme unserer strebenden und wertschätzenden natur, oder das system unserer strebungen und wertschätzungen, das als ganzes gehört zu werden verlangt, und gegen die schädigung durch die einzelne strebung sich auflehnt. ... statt stimme des gewissens hätte ich auch sagen können, stimme des guten. Th. Lipps grundtatsachen des seelenlebens (1883) 617; wir hatten ... gesehen, dass unter gewissen der gesammtausdruck oder das resultat der totalität des sittlichen bewusstseins verstanden wird, so weit es sich überhaupt in dem betreffenden individuum entfaltet hat. es ist klar, dass nicht nur in bezug auf den inhalt, sondern auch in bezug auf die form, das gewissen ein wesentlich verschiedenes sein muss auf den drei stufen der unschuld, reflectirenden moralität und tugend. E. v. Hartmann 22 (d. sittliche bewusstsein) 259; man darf nur nicht vergessen, dass das gewissen nicht ein einfaches, ursprüngliches etwas ist, sondern ein sehr complicirtes resultat aller bei dem zustandekommen des ethischen bewusstseins betheiligten triebe, gefühle, meinungen, vorurtheile, geschmacksbildung, vernunftentfaltung u. s. w. 95. vereinzelt wird auch hier die anlehnung an die grundbedeutung des wortes, oder wenigstens an die sippe gesucht, der es entstammt. fehl greift: unsere sprache bezeichnet das sittliche gefühl mit dem sehr ausdrucksvollen worte gewissen, gleichsam anzuzeigen, nichts für den menschen sei gewisser als das gesetz. F. Delbrück Sokrates (1819) 20. vgl. auch (sp. 6222) die deutung Schopenhauers. dagegen trifft schon Chr. Wolff angesichts der formel wissen und gewissen, in der noch heute die ursprüngliche bedeutung des substantivs durchklingt, den richtigen zusammenhang: wenn der mensch auch unwissende das gute unterlässet und das böse thut, nemlich aus einem irrigen gewissen, so handelt er wieder das gesetze des natur, und also auch wieder das gesetze des gewissens, und folgends wieder das gewissen, aber unwissende. und daher ist es sonder zweiffel kommen, dasz wir in unserer deutschen sprache zu sagen pflegen: er handelt wieder besser wissen und gewissen. ged. v. d. menschen thun ... 76; andererseits wird es Lavater, der unserem engern begriff des gewissens einen umfassenderen begriff entgegenstellen will, nicht bewuszt, dasz hierfür schon die grundbedeutung unseres substantivs zuständig wäre; er giebt diesem weiteren begriff einen namen, der um diese zeit von England aus mit gewissen in concurrenz trat: moralisches gefühl (s. sp. 2177): es ist ein unterschied zwischen gewissen und moralischem gefühle; das gewissen urtheilt nur über geschehenes, nur über deine eigne handlungen und gesinnungen. das moralische gefühl über gleiche, auch über fremde handlungen. kleinere pros. schriften 3, 237f.; vgl. dagegen: gibts ein gewissen, ein moralisches gefühl, das mir, abgetrennt von allem erkenntnisz, richtigen weg zeige? Herder (vom erkennen u. empf.) 8, 199; Fichte, der gewissen und bewusztsein identifiziert, läszt sich auch die etymologische verwandtschaft beider bildungen nicht mehr entgehen: die formale bedingung der moralität unserer handlungen, oder ihre vorzugsweise sogenannte moralität besteht darin, dasz man sich schlechtin um des gewissens willen zu dem, was dasselbe fodert, entschliesze. das gewissen aber ist das unmittelbare bewusztsein unserer bestimmten pflicht. sittenlehre (1798) 225; dazu vgl.: ich bin im gewissen, durch mein wissen wie es sein soll, verbunden, meine freiheit zu beschränken. naturrecht (1796) einl. s. 14. und Hegel stellt seine begriffsbestimmung ganz auf die etymologische grundlage: allein dieser unterschied des allgemeinen bewusztseins und des einzelnen selbsts ist es eben, der sich aufgehoben, und dessen aufheben das gewissen ist. das unmittelbare wissen des seiner gewissen selbsts ist gesetz und pflicht; seine absicht ist dadurch, dasz sie seine absicht ist, das rechte; es wird nur erfordert, dasz es diesz wisse und dasz es die überzeugung davon, sein wissen und wollen sei das rechte, sage. das aussprechen dieser versicherung hebt an sich selbst die form seiner besonderheit auf; es anerkennt darin die nothwendige allgemeinheit des selbsts; indem es sich gewissen nennt, nennt es sich reines sich selbst wissen und reines abstraktes wollen. ... wer also sagt, er handle so aus gewissen, der spricht wahr, denn sein gewissen ist das wissende und wollende selbst. (phänom.) 2, 493; vgl. auch (grundlinien der phil. d. rechts) 8, 179. dagegen scheint es, als ob Schopenhauer einen älteren irrthum (s. sp. 6221) theilte, wo er gegen das vorhergehende gewissen das nachträgliche an den wirkungen des gewissens verficht (es liegt in der natur der sache, dasz das gewissen erst hinterher spricht; weshalb es auch das richtende gewissen heiszt. grundl. d. moral s. 3, 639) und seine auffassung durch etymologische gründe stützt: die angebliche praktische vernunft mit ihrem kategorischen imperativ ist offenbar am nächsten verwandt mit dem gewissen, wiewohl von diesem erstlich darin wesentlich verschieden, dasz der kategorische imperativ, als gebietend, nothwendig vor der that spricht, das gewissen aber eigentlich erst hinterher. vor der that kann es höchstens indirekt sprechen, nämlich mittelst der reflexion, welche ihm die erinnerung früherer fälle vorhält, wo ähnliche thaten hinterher die miszbilligung des gewissens erfahren haben. hierauf scheint mir sogar die etymologie des wortes gewissen zu beruhen, indem nur das bereits geschehene gewisz ist. (grundl. d. moral 9) 3, 550; vgl. auch (§ 29) 638. weit lebhaftere und vielseitigere einblicke in die vorstellungen, die sich mit unserem substantiv verbinden, gewährt die dichtung und die erzählende litteratur. hier sind vor allem auch die versuche, gegen das gewissen anzukämpfen, gekennzeichnet, und während diejenige philosophie, die dem gewissensbegriffe die existenzberechtigung abspricht, in der wortgeschichte unseres substantivs naturgemäsz kaum vertreten ist, kommt sie dort stärker in den nachwirkungen zur geltung, die sie litterarisch ausübt. auf die etymologische grundlage des substantivs greift die schöne litteratur kaum zurück. abgesehen von dem einseitig religiösen standpunkt, der wissen und gewissen in gegensatz stellt (viel wissens, wenig gewissens. Heinr. Müller geistl. erquickst. 209), sind parallelen hier nur wenig belegt:

das gewissen. was niemand wissen soll, soll niemand auch begehen; ein iedrer soll ihm selbst statt tausend zeugen stehen. Logau sinnged. (zugabe 8) Eitner s. 636; sein gewissen, das fortgehende bewusztsein seines lebens. Herder (theol. br. 31) 10, 338; das gewissen setzt ja doch ein wissen voraus. H. Laube (d. burgtheater) 5, 267 Houben. auf begriffsbestimmungen an sich geht die schöne litteratur natürlich nicht aus; sie kommt ihnen aber nahe durch bilder und vergleiche; hier läszt sich deutlich verfolgen, wie die regungen des gewissens in neuerer zeit immer freier beurtheilt und unter höheren gesichtspunkten gewürdigt werden. anfänge einer solchen auffassung waren zwar schon bei Luther zu beobachten: erstlich, weil euer gewissen sich hierinne beschwert findet, so könnt ihr keinen bessern rathmeister und doctor finden, denn eben solch euer eigen gewissen. (an Chr. Jörger 1543) briefe 5, 613; vgl. auch:

wan recht leben hat gar ein krcze lere; das gewissen zaigt selb auf tgent und ere. darzu darff man nicht sere vil pecher und lang untericht. H. Sachs (Eulenspiegel disputaczen) fab. u. schw. 4, 69 neudr.; bald aber sank die vorstellung vom gewissen mehr und mehr in den zusammenhang von lohn und strafe zurück:

dasz gewissen ist ein wegweiser. mensch wenn du jrre gehst so frage dein gewissen: du wirst ohn alln verzug die straff' erkennen müssen. Angelus Silesius cherub. wandersmann (5, 175) 127 Ellinger; das gewissen ist ein gesätzgeber in unserem leben; ein aufmerker; ankläger; der stärckste zeuge; folterer; richter; henker: daher auf di rechnung seines gewissens, ein ider wohl aufsicht zu halten hat. Butschky Pathmos 74;

das gewissen, so versehret ist der zeug' in unsern herzen ist di ursach viler schmerzen ist der freie richtersmann, ist gleich wi St. Peters hahn. Butschky 500 sinnen ... reiche reden 109; dan das gewüssen ist ein nagender härz-wurm, welcher di verbrächcher un-auf-höhrlich zwakket und plaget. Zesen adriat. Rosemund 75 neudr.; gewissen. beschreib. man stellet solches als ein frauenzimmer vor, das zwischen dornen und blumen stehet, in der hand aber ein hertz hält, über welchem geschrieben stehet: das eigene gewissen; und das sie mit starren augen ansiehet. Hamann poetisches lexikon 472;

doch einen richter gibt's, der rache schafft, gewissen heiszet, der die scharfen krallen ins herz mir eingerissen voller kraft. Chamisso sonette u. terzinen: ein baal teschuba; aber was hilft es ihnen, wenn sie sich auch vor der ganzen welt verbergen könnten? das gewissen ist doch mehr, als eine ganze uns verklagende welt. Lessing (misz Sara Sampson 1, 1) 23, 267;

des menschen schuldbuch ist sein eigenes gewissen, darin durchstrichen wird kein blatt, noch ausgerissen. Rückert (weish. d. brahm. II, 4, 234) 8, 223; dagegen vgl. die bekannte, den gewissensbegriff wenigstens in seinen voraussetzungen treffende würdigung bei Kant: zwei dinge erfüllen das gemüt mit immer neuer und zunehmender bewunderung und ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte himmel über mir, und das moralische gesetz in mir. (kritik der prakt. vernunft. beschl.) 5, 161 akademieausgabe;

Buttler: kein muthiger erbleicht vor kühner tat. Gordon: das leben wagt der muth, nicht das gewissen. Schiller (Wallenst. tod 4, 6) 12, 338; (vgl. schon: uber alle irdische ding habe liep rein unde lauter gewissen! ackermann aus Böhmen 53, 2 Knieschek);

denn das selbständige gewissen, ist sonne deinem sittentag. Göthe gott u. welt: vermächtnis; wenn man sich den weltgeist ungefähr auf dieselbe weise in die welt, wie den menschengeist in den leib versenkt vorstellen darf, so ist die poesie für ihn, was das gewissen für den menschen: das organ der inneren freiheit in der äuszeren gebundenheit, und eben deshalb unzerbrechliches und sich von selbst allem in's dasein hervortretenden anlegendes maasz. Hebbel tageb. (1. 8. 1844) 2, 422 Werner; wer hat die innern gegenden in uns ergründet, welche man gewissen nennt! gewissen ist eine unglaublich weite und mannigfaltige landschaft. da herrscht nicht blosz die moral, da herrschen alle möglichen systeme und formen, die uns am herzen liegen. was wir zu wissen und zu besitzen für nötig erachtet haben einen augenblick lang, das wird unser gewissen. dort ruht es, was der unabhängigste menschenteil in uns jemals angeregt, dort gestaltet es sich sogar in völliger verborgenheit oft jahrelang. H. Laube (einl. zu Gottsched) 2, 294; in dieser beschaffenheit des menschlichen geistes, des gewissens, besteht die grösze, die würde, die gottähnlichkeit des menschen. W. E. v. Ketteler ist d. gesetz d. öff. gewissen? s. 9. diesen betrachtungen, die das gewissen als thatsache anerkennen und in seinen wirkungen hoch bewerten, tritt in der neueren litteratur nun auch die entgegengesetzte auffassung zur seite: die regungen des gewissens werden hier nicht nur als lästig und quälend dargestellt (sind wir nicht auch mit dem gewissen verheirathet das wir oft gerne los sein möchten, weil es unbequemer ist als uns je ein mann oder eine frau werden könnte? Göthe [wahlverw. 1, 9] 17, 107), sondern geradezu als schädlich und als ein hemmnis für den vorwärtsstrebenden menschen. der geltungsbereich des gewissens wird eingeschränkt; einzelne gattungen, lebensalter, berufs- und standesklassen werden ihm ausdrücklich entzogen. ehe die oben besprochene richtung der philosophie hier sich geltend machte, hatte schon die satire den boden bereitet: du fragst mich freund welches besser ist, von einem bösen gewissen genagt zu werden oder gantz ruhig am galgen zu hängen. G. Chr. Lichtenberg (aphorismen C 245) 2, 59 Leitzmann.

auch die schmiegsamkeit und anpassungsfähigkeit des gewissens dient der satire gern zur zielscheibe:

unsrer zeit gewissen stehet auff genissen. Logau sinnged. 3, 1, 41 (ietziges gewissen) Eitner s. 452; es ist itzo die mode, schnallen an den beinkleidern zu tragen, womit man sie nach belieben weiter und enger schnürt. wir wollen uns ein gewissen nach der neuesten facon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen wie wir zulegen. Schiller (räuber, schausp. 1, 1) 2, 26; vgl. auch:

(Karlos:) weh dem manne, den weibliches erröthen muthig macht! ich bin verzagt, wenn weiber vor mir zittern. (prinzessin:) ist's möglich? — ein gewissen ohne beispiel für einen jungen mann und königssohn! Schiller (don Karlos, dram. ged. 2, 8) 5, 2 s. 228. wo die satire bestimmten lebenskreisen, berufsständen und deren einzelnen gliedern das gewissen abspricht, denkt sie meist an einen verlust: ein soldat musz krieg führen, musz die tromel rühren, musz die bauern abschmiren, musz das gewissen verliehren, musz die leut verführen. Abraham a S. Clara auff, auff ihr christen (Wiener neudr. 1, 97); dazu vgl. die drastische erklärung dieses vorgangs in: de lüd vertellten sick nämlich, den herrn notarjus sin leiw vadding hadd em as lütten jungen ... as löper verköpen wullt und hadd em tau desen zweck ... de milz ufsniden laten wullt, dat hei dornah beter lopen süll; äwer de herr dokter ... hadd in 'ne slichte stund ... staats de milz dat gewissen utsneden, un nu müszte Slus'uhr mit de milz un ahn gewissen in de welt herümmer lopen, nich as löper. ne! as notarjus. Fritz Reuter (stromtid 2, cap. 25) 2, 378 Seelmann. die auffassung von einem gewissen, das bei einzelnen menschen und in bestimmten lebensformen verloren geht, kommt auch in solchen betrachtungen zur geltung, denen es weniger um polemik als um würdigung des thatbestandes zu thun ist: mögen wirs nun gewissen, innern sinn, vernunft, den λογον in uns nennen, oder wie wir wollen: gnug, es spricht laut und deutlich, zumal in der jugend, ehe es durch wilde stimmen von auszen und innen, durch das gebrause der leidenschaft und das geschwätz einer klügelnden unvernunft allmählig zum schweigen gebracht oder irre gemacht wird. Herder (briefe d. stud. d. theol. betr. 3, 31) 10, 336;

kein gewissen zu haben, bezeichnet das höchste und tiefste, denn es erlischt nur im gott, doch es verstummt auch im thier. Hebbel (epigr. u. verwandtes 2: gnomen: das höchste u. das tiefste) 6, 338 Werner. im gegensatz dazu steht aber eine auffassung, die sich eng mit der (sp. 6220) aus Luther ausgehobenen stelle berührt: und nun sind auch wir ... in dem kühlen schatten der buchen, und — wunderbar! ein gewissen hatten wir bis eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. sie haben alle kein gewissen in den gebrüdern Grimm, und wir stecken voll und ganz darin, in dem märchen, in der wonne des abenteuers der kinderwelt. W. Raabe alte nester cap. 5; vgl. auch: der handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand gewissen als der betrachtende. Göthe maximen u. reflexionen no. 421. anders zugespitzt liegt die gleiche auffassung den meisten betrachtungen zu grunde, die gegen das gewissen ankämpfen. in dieser richtung, in der schon Shakespeare seinen Richard III. auf die bedenken seiner getreuen hatte einwirken lassen, spiegeln mitte und ende des 19. jahrh. die nachwirkungen einer negierenden philosophie (vgl. dazu P. Rée die entstehung des gewissens. Berlin 1885) litterarisch wieder:

gewissen ist ein wort für feige nur, zum einhalt für den starken erst erdacht: uns ist die wehr gewissen, schwert gesetz (conscience). Schlegel Shakespeare Richard III. 5, 3;

(Baltiel:) welch seltnes glück bringt dich auf unsre seite? (Ganelon:) recht, frage so, wenn mich das alte weib gewissen schilt. ich denke dann der pein vergangner, böser tage, in denen nicht der ehre sonne schien, fahl angeleuchtet nur vom gelben neid, so ekel, wüst und öde, regenhaft. K. Immermann (das thal von Ronceval 3, 9) 16, 76 Hempel;

(erste wache:) der graf von Sulzbach hält es mit dem könig, und wir, wir sind des Sulzbach lehensmannen und damit-holla! (zweite wache:) aber das gewissen — (erste wache:) wir armen hunde brauchen kein gewissen, so wenig als der spiesz hier eines braucht und hat. ein blindes werkzeug ist er mir. F. v. Saar Heinrichs tod (3, 1) 69;

Thomas: ich mache dir nichts zum vorwurf, nicht einmal dein gewissen. dies ist allerdings eine gefährliche mitgift, nur siegeshinderlich im kampf um's dasein. ... wie der hühnerhund, weil es seinen vorfahren eine reihe von generationen hindurch eingepeitscht worden ist, zuletzt schon geboren wird mit einem instinct, seinen schwanz zu verwenden zum rebhuhntelegraphen für den jäger — so ist unter den menschen das gewissen allmälig erblich geworden. Jordan Arthur Arden (1872) s. 12; oft spricht der geistliche im religionsunterricht vom gewissen; was waren die nachklänge ... in den schanzen der gefangenen? der eine meinte: 'ach was — gewissen! meines haben die hunde gefressen!' der andere 'meines hat ein loch', wieder ein anderer: '... das ist nur etwas für die armen teufel! die groszköpfe haben auch kein gewissen.' L. Jaeger hinter kerkermauern, arch. f. krim.-anthr. 22 s. 13; pah! das gewissen! auch so eine .. erfindung — für furchtsame. L. Goldschmied entweihung der erde s. 15. aber wie Shakespeares Richard doch gerade den regungen des gewissens unterliegt (o feig gewissen, wie du mich bedrängst! ... hat mein gewissen doch viel tausend zungen. 5, 3), so auch die entsprechenden typen in der deutschen litteratur, von Iffland 'das gewissen' bis zu Max Kretzers roman 'mann ohne gewissen', der durch seine lebensschicksale die freche behauptung lügen straft: 'dafür haben die dummen auch das reine gewissen!' 'ach, was heisst gewissen!' wandte Gläser ein, wie jemand, der sich über diesen punkt längst klar ist. 'ja, aber ... ich verstehe sie gar nicht', rief der bautechniker aufgebracht aus. 'darüber kommen wir alle nicht hinweg.' 'doch, doch!' hielt ihm Gläser hartnäckig entgegen. 'die ausnahmemenschen kommen darüber hinweg.' s. 25. für den geltungsbereich des schlusses, der aus diesem zusammenhang zu ziehen ist, sprechen zwei weitere belege, deren einer der erfahrung des täglichen lebens entnommen ist, während der andere der weltanschauung des dichters erwächst: 'haben sie ein gewissen' so habe ich gar oft und gar verschiedene menschen zu fragen mir erlaubt. die erste antwort war gewöhnlich ein blick — so flüchtig prüfend, oft auch wie entrüstet, wie schon durch die blosse frage beleidigt. dann kam erst die eigentliche antwort, und sie lautete gewöhnlich kurz und bündig: 'selbstverständlich, natürlich'. 'was wissen sie denn von ihrem gewissen'?, pflegte ich dann weiter zu fragen: 'das gewissen beunruhigt mich, quält mich, wenn ich etwas schlechtes gethan habe. es ist mir ein sanftes ruhekissen, wenn ich gutes that oder einem anlasse, schlechtes zu thun, nicht nachgegeben habe. oft macht das gewissen sich nicht erst nach geschehener that geltend, sondern drängt mich schon im voraus, etwas bestimmtes zu thun, anderes zu lassen. weshalb? nun eben, weil jenes gut, das andere schlecht ist.' Carring das gewissen im lichte der geschichte (1901) s. 7; was hat denn der mathematiker für ein verhältnisz zum gewissen, was doch das höchste, das würdigste erbtheil der menschen ist, eine incommensurable, bis in's feinste wirkende, sich selber spaltende und wieder verbindende thätigkeit? und gewissen ist's vom höchsten bis in's geringste. gewissen ist's wer das kleinste gedicht gut und vortrefflich macht. Göthe maximen u. reflexionen no. 1392 (schriften d. Göthegesellsch. 21, s. 286). bei allen diesen gegensätzen in der beurtheilung und deutung des gewissens war uns der neue engere begriff bis auf den letzten beleg mit seiner vollen prägnanz nahegetreten; abschwächungen, verengerungen und übertragungen werden uns aber beim überblick über die verbindungen beschäftigen, die das neutrum in der heutigen sprache aufweist (s. 3), und die unser an sich schon vieldeutiges wort, das deshalb z. b. von Rothe aus der ethik ausgewiesen wurde, nunmehr aufs neue beeinflussen. die neigung zur personifizierung wächst mit den verwendungen, die das subst. als subject anziehen, während andere wieder die räumliche auffassung begünstigen, die das organ zu einem theile des menschlichen körpers macht: das gewissen leeren, räumen u. a. in formeln, wie sich ein gewissen machen, etwas nicht übers gewissen bringen u. a. ist die bedeutungskraft des substantivs, die in wendungen wie ein gewissen haben, das gewissen rühren, wecken u. a. voll zu tage tritt, mehr oder weniger verblaszt; andere wandlungen spiegeln sich in verbindungen mit subjectivem genetiv oder mit attributivem adjectiv. die attribute z. b., die das neutrum (s. 2) vom femininum (s. 1) übernahm, gelten zunächst einzelnen eigenschaften und zuständen, die dem neueren begriff in seinem ganzen umfang zukommen: enges, weites, gutes, böses gewissen. in neueren entsprechenden verbindungen dagegen werden die regungen des gewissens gern auf ein engeres gebiet menschlicher bethätigung eingegrenzt, vgl. bei Göthe (s. o.) vom gedicht. bei dieser verengerung des umfangs wandelt sich auch der inhalt des begriffs, und von den einzelnen zügen, auf die er sich concentriert, geht die möglichkeit zu übertragungen und neuer verallgemeinerung aus:

'was fang' ich nun, o Pan! (ruft er zuletzt) mit diesem apfel an? wem geb' ich ihn? bei meinem amtsgewissen! ich kann, je mehr ich schau', je minder mich entschlieszen.' Wieland (komische erz.) 10, 169; die furcht vor dem lächerlichen ist das gewissen der französischen dichter; sie hat ihre flügel beschnitten, ihren schwung gelähmt. A. W. Schlegel über dramat. kunst 2, 1 s. 148; mein magen beschwert sich über die unmäszigkeit, jedes glied hat sein gefühl, das es warnt vor einem gegenstand, der ihm nachtheilig ist: diesz ist ein physisches gewissen. Hamann (brocken) 1, 147 Roth; dasz ich hier stehe, ein greis jenseits der grenze, wo man wirken kann, war das gefühl, als ich erschien — gleichsam wie ein gutes altes deutsches gewissen. E. M. Arndt s. berichte über die verhandl. d. dtsch. nationalvers. 1, 27b (19. 5. 1848); einer groszen geistigen und sittlichen bewegung dienen die besten kräfte unsrer generation ... ich glaube ... dasz man ihre vielseitigen und scheinbar widersprechenden lebensäusserungen am sichersten zusammenfasst, wenn man sie nach ihrem ursprung benennt als das erwachen des sozialen gewissens. Ludwig Fulda vorwort zur 2. aufl. der 'kameraden'.

Letzte Änderung am 29.01.2018 durch V.S.
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